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Wie Digitalisierung Kosten verringert – nicht erhöht

Geschrieben von Erik Hunold | Aug 18, 2025 9:57:15 AM

Digitalisierung ist kein IT-Einkauf. Sie ist ein Kostenprogramm. Richtig geführt senkt sie Bearbeitungszeiten, Fehlerkosten und Kapitalbindung – und erhöht gleichzeitig den Durchsatz. Entscheidend sind drei Regeln: Kein Tool ohne Business Case. Klare Kennzahlen. Alte Wege konsequent abschalten.

Das Wichtigste in 30 Sekunden

  • Zeit runter, Fehler runter, Bestand runter. Das sind die drei großen Hebel.

  • TCO statt Listenpreis. Gezählt werden Gesamtaufwand, nicht nur Lizenzen.

  • 90-Tage-Vorgehen. Erst wirksam, dann hübsch – und am Ende weniger Fixkostenrisiko.

Die 7 stärksten Hebel – aus der Praxis

  1. Prozesszeit reduzieren: Automatisieren (Make, Zapier, Power Automate, RPA). Realistisch: 30–70 % weniger Bearbeitungszeit.

  2. Fehlerkosten senken: Standardisierte Workflows, klare Freigaben → 20–60 % weniger Nacharbeit, Rückfragen, Gutschriften.

  3. Bestände kürzen: Bessere Dispo/Forecasts → weniger Sicherheitsbestand, weniger Fläche.

  4. Einkauf optimieren: E-Procurement, automatischer Preisvergleich, Bündelung → bessere Konditionen, Skonto sichern.

  5. Overhead schlank machen: DMS, E-Signatur, Self-Service-Portale → HR, Vertrieb, Service entlasten.

  6. IT-Kostenrisiko flexibilisieren: Weg von CapEx zu skalierbarem Opex – zahlen, was genutzt wird.

  7. Durchlaufzeit verkürzen: Mehr Umsatz pro Kopf bei gleichen Fixkosten.

“Abo-Kosten machen doch alles teurer?” – Nur, wenn Sie falsch rechnen

Zählen Sie Total Cost of Ownership (TCO):

  • Direkt: Lizenzen, Implementierung, Schulung.

  • Indirekt: Arbeitszeit, Wartezeiten, Nacharbeit, Medienbrüche, Ausfallzeiten.

  • Risiko/Opportunity: verspätete Lieferungen, entgangene Aufträge, DSGVO-Risiken, verpasste Skonti.

Wenn Zeit + Fehler + Kapitalbindung mehr einsparen als die Abo-Kosten kosten, sinken Ihre Gesamtkosten. In gut geführten Projekten ist das die Regel, nicht die Ausnahme.

Praxisbeispiel (konservativ gerechnet)

8 Mitarbeitende sparen pro Vorgang 30 Minuten durch Automatisierung. Lohnkosten 30 €/h, 220 Arbeitstage/Jahr.

  • Zeitersparnis/Jahr: 8 × 0,5 h × 220 × 30 € = 26.400 €

  • Fehlerkostenersparnis: 200 Fehler × 20 € = 4.000 €

  • Gesamtnutzen: 30.400 €/Jahr

  • SaaS + Implementierung (Jahr 1): 6.000 €
    Nettoersparnis Jahr 1: 24.400 € | Payback: ~2,4 Monate | ROI: ~407 %

Wo schnell Geld liegt – fünf Kernprozesse

  • Order-to-Cash: Angebotsgenerator, E-Signatur, automatische Rechnungsstellung & Zahlungseingangsmatches → schnellere Zahlung, weniger Rückfragen.

  • Procure-to-Pay: OCR, Drei-Wege-Abgleich, regelbasierte Freigaben → Skonto sichern, Buchhaltung entlasten.

  • Service: Self-Service-Portal, Wissensdatenbank, KI-Assistenten für Standardanfragen → weniger Tickets, höhere Erstlösungsquote.

  • HR/Onboarding: Digitale Verträge, Schulungsflows → schneller produktiv, weniger Admin.

  • Planung/Logistik: Forecasting, Tourenplanung, Slot-Management → weniger Leerfahrten, geringere Lagerkosten.

Typische Einwände – und die nüchterne Antwort

  • “Keine Zeit für Projekte.” Starten Sie mit einem 2-Tages-MVP an der engsten Stelle. Die gewonnene Zeit finanziert den Rest.

  • “Tools sind teuer.” Teuer ist weiter manuell arbeiten – jeden Monat. Lizenzen sind variabel und kündbar.

  • “Change ist schwer.” Richtig. Deshalb Standards + Rollen + Checklisten. Tools erzwingen Disziplin, Führung hält sie.

90-Tage-Blueprint (ohne Ballast)

  1. Hot-Spot wählen: Wo stauen sich Vorgänge? Wo entstehen Fehler?

  2. Baseline messen: Durchlaufzeit, Bearbeitungszeit, Fehlerquote, DSO, Bestandstage.

  3. MVP in 10–15 Tagen: Workflow digitalisieren, Schnittstellen (ERP/CRM/Shop/Finance) anbinden, DMS/Signatur integrieren.

  4. 4-Wochen-Pilot: Wöchentlich Metriken prüfen, Engpässe beheben.

  5. Rollout & Cutover: Schatten-Excel, E-Mail-Freigaben, Papier abschalten – mit Datum und Verantwortlichen.

  6. Monatliches Kosten-Controlling: Kennzahlen in die Geschäftsführung, nicht in die IT.

Steuerungslogik, die wirkt

  • Zielkosten je Vorgang festlegen und monatlich reporten.

  • Kill-Liste für nutzlose Schritte/Tools – quartalsweise ausmisten.

  • Prozess-Owner benennen (klar, nicht “alle ein bisschen”).

  • Vertraglich flexibel bleiben: kurze Laufzeiten, modulare Pakete, Exit-Klauseln.

Häufige Kostenfallen – vermeiden statt reparieren

  • Tool-Wildwuchs: Einzellösungen → Kernsystem + Automations-Layer standardisieren.

  • CSV-Hölle: Manuelle Exporte → API-first, Events statt Files.

  • Dokumente im Kernprozess: PDFs nur am Rand → Daten statt Dokumente verarbeiten.

  • Unklare Rechte: Rückschleifen → RACI + feste Freigaben.

Ihre Kontrollliste

  • Je Prozess: Business Case mit €-Nutzen, €-Kosten, Payback

  • 3–5 Kennzahlen (Zeit, Fehler, DSO, Bestandstage, Kosten/Vorgang)

  • Automations-Roadmap: 90 Tage / 6 Monate / 12 Monate

  • Altwege abschalten – verbindlich

  • Monatliches Review in der GF-Runde

Klartext: Digitalisierung erhöht Kosten, wenn sie als Einkaufszettel betrieben wird. Sie senkt Kosten, wenn sie als konsequente Prozesssanierung geführt wird – mit harten Zahlen, kurzen Zyklen und null Toleranz für Spielzeug.